Chile / Argentinien nordwärts (Bericht 8) (aktueller Standort)

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8. Bericht – 25.12.2019

 

Auf staubiger, material- und nervzehrender Schotterpiste holpern wir, wieder in Argentinien, von Esquel aus Richtung Chubut-Tal, in der Hoffnung, dass sich dieser Abstecher auch wirklich lohnt. Vor uns eröffnet sich eine fantastische Vulkanlandschaft, durch die sich der Rio Chubut schlängelt. Der Piedra Parada, ein einsamer, gigantische Vulkanschlot, erhebt sich senkrecht 271 Meter aus der ehemaligen Kraterlandschaft. Steil ragen in der Schlucht Cañadón del Buitre beeindruckende Felswände gen Himmel, grün leuchtet die kupfersulfathaltige Mesa Verde, eine tischförmige Gesteinsformation – beeindruckend. Die schneebedeckten Andengipfel, die wir die letzten Tag in Südchile hinter tief hängenden grauen Wolken und Regenschleiern nur erahnen konnten, zeigen sich von hier aus in der Ferne vor strahlend blauem Himmel. Wir genießen den wunderschönen Standplatz direkt am tiefen Fluss und tauchen bei sommerlichen Temperaturen immer wieder darin unter (Januar und Februar entsprechen den europäischen Juli und August). Hier machen wir „Urlaub vom Urlaub“.

 

 

Es ist Weihnachten!! Keine besinnliche, doch ein guter Zeitpunkt, in dieser Stille und bei dieser Ruhe die letzten Wochen Revue passieren zu lassen.

Inzwischen sind wir genau vier Monate unterwegs und ca. 15.000 km gefahren. Die Straßen und Pistenverhältnisse haben ihren Tribut gefordert: 2 neue Reifen waren fällig, ein neuer Kühler und Schweißarbeiten am Auspuff. Doch im Vergleich zu anderen Overlandern verlief alles harmlos. Aber der Reihe nach …

Seit dem letzten Bericht sind 7 Wochen vergangen, viel Aufregendes und Beeindruckendes haben wir erlebt.

Durch immense Weite der Steppe erreichen wir von Calafate aus die Industriestadt Río Gallegos. Hier strandet man nur, wenn – wie bei uns – ein Zwangsaufenthalt ansteht. Anderthalb Tage verbringt unser Gefährt in einer Werkstatt, um die Ursache des beunruhigenden Geräuschs zu finden und zu beheben. Gottlob ist es nicht, wie zuerst vermutet, der Turbo, sondern eine Summe verschiedener kleinerer Faktoren. Nun heißt‘s nur noch die Kabine wieder aufsetzen. Normalerweise kein Problem für uns, aber bei diesem Wind…. Männerpower ist gefragt. Der angekündigte Sturm von 120 km/h entpuppt sich als deutlich harmloser. Mit nur 100 km/h hilft er uns auf der Weiterfahrt Sprit sparen, schiebt uns durch die Unendlichkeit der Pampa. Abwechslung bringen später Vulkankegel in diese Einöde. Schön ist die wenig bekannte Laguna Azúl, ein Kessel vulkanischen Ursprungs. Auf steilem Pfad gelangen wir an den windstillen Kratersee.

 

 

In Monte Aymond ist die chilenische Grenze erreicht. Da man Fruchtfliegen, die Maul- und Klauenseuche etc. fürchtet, wird das Einfuhrverbot von Obst, Fleisch, Milchprodukten und Sämereien scharf kontrolliert. Blicke wirft man auch in hinterste Winkel unserer „Wohnung“.

An der engsten Stelle der Magellan-Straße setzen wir nach Feuerland über. Ein kurzes Stück geht’s durch die chilenische patagonische Einöde, bis wir in San Sebastian wieder auf die argentinische Seite wechseln. Feuerland, das südlichste besiedelte Gebiet der Welt, das sich Chile und Argentinien teilen, kommt dem Südpol am nächsten. Eine Mischung aus monotoner Steppe, Weideland, in dessen schier unendlicher Weite riesige Schafherden grasen, Vulkan- und Sumpfgebiete, tiefblaue und grüne Seen, Waldtäler mit dem Duft der Südbuchenblüten, den ich am liebsten einfangen würde, prägen das Landschaftsbild dieser riesigen Insel. Viele Bäume sind mit pflanzlichen Parasiten befallen – vom Wind zerzauste und herabhängende Flechten, dem sog. „Altherrenbart“, sowie die gelben mistelähnlichen Kugeln, die „chinesischen Laternen“. Vor allem der Darwin-Pilz, das „Indianerbrot“, erweckt mein Interesse. Bis zu golfballgroße gelbe Kugeln, wie Champignons in Scheiben geschnitten, landen als Pilzgericht auf unseren Tellern. Unsere Geschmacksnerven scheinen sich von denen der Tehuelche doch etwas zu unterscheiden – aber einen Versuch war es wert, meine Neugier ist befriedigt.

 

 

Öl und Gas werden in der kargen Umgebung von Río Grande gefördert. Eine grandiose Berglandschaft genießen wir auf der Fahrt am Fjordsee, dem Lago Fagnano, entlang über den Paso Garibaldi nach Ushuaia. Wir sind am Ende der Welt! Von hier sind es nur noch 1000 km bis zur Antarktis. Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, hat wenig zu bieten, ist aber Ziel vieler Kreuzfahrtschiffe. Im Nationalpark Feuerland erleben wir wandernd die Landschaft: kristallklare Bäche, dunkelrote Moore mit Farnen, moosbewachsene Krüppelbäume, romantische Buchten und den typische Südbuchenwald. Schöne Weitblicke eröffnen sich auf den Beagle-Kanal. Auf einem Parkplatz endet völlig unspektakulär die argentinische Ruta 3, die Panamericana, die abgesehen von wenigen Lücken Alaska mit Feuerland verbindet.

Mitten in einer zu Tode genagten Südbuchenzone, in der gespenstisch die Baumreste gen Himmel ragen, befinden sich imposante Biberdämme. Der Felle wegen wurden vor ca. 60 Jahren 25 Paare ausgesetzt. Doch diese waren nicht nur unermüdlich mit dem Dammbau beschäftigt – Zeugen dieser nächtlichen Betriebsamkeit sind die vielen sogenannten „Bleistifte“ – sondern auch mit der Produktion ihrer Nachkommen. Mangels natürlicher Feinde und trotz eines ausgesetzten „Kopfgelds“ ist ihre Zahl auf über 100.000 Tiere angewachsen und zum ökologischen Problem geworden.

 

 

Zurück auf der chilenischen Seite geht’s nach Porvenir, einem netten kleinen Städtle mit bunt gestrichenen Häusern. Tsunami-Tafeln weisen im Notfall den Weg in die Sicherheit. Über die Magellanstraße gelangen wir wieder aufs Festland, zur Hafenstadt Punta Arenas. Auch hier farbenfrohe Häuser, die an Skandinavien erinnern. Prächtige Paläste und beeindruckende Familiengruften auf dem sehenswerten 4 ha großen Friedhof, der zu den schönsten weltweit gehören soll, zeugen vom einstigen Reichtum der Schafbarone. Ins Auge stechen mir die ungewöhnlich in Form gestutzten Zypressen.  Doch ein bitterkalter Wind hält uns von weiteren Erkundungsgängen ab. Das Ausmaß der vor kurzem stattgefundenen Unruhen ist nicht zu übersehen. Zu diesen kam es in Verbindung mit den Wahlen Anfang Oktober wegen sozialen und wirtschaftlichen Missständen, der Korruption etc. vor allem in  Großstädten Chiles und Boliviens.

 

 

Über Schotterpisten queren wir die patagonische Steppe und erreichen bei strömendem Regen Puerto Natales, das Tor zum berühmten Nationalpark Torres del Paine (UNESCO-Biosphärenreservat). Wir versorgen uns mit Lebensmitteln und erledigen die notwendigen Formalitäten für den mehrtägigen Aufenthalt im Park. Er zählt zu den schönsten der Welt und fasziniert mit markanten Felsformationen: den drei gigantischen und majestätischen Granittürmen Torres del Paine, den spektakulären Paine-Hörnern, den Cuernos, und dem höchsten Berg des Parks, dem Cerro Paine Grande. Mit seiner abwechslungsreichen Landschaft und Tierwelt ein Eldorado für Wanderer und Kletterer. Auch wir schnüren mehrmals unsere Stiefel und wandern, umgeben von teils abgebrannten Buchenwäldern, gletschergespeisten Lagunen, glasklaren Flüssen und tosenden Wasserfällen. Der steile Anstieg zum Aussichtspunkt „Cóndor“ wird mit einem überwältigenden 360° Panoramablick auf das gesamte Paine-Massiv und den Pehoé-See belohnt.

Guanako-Herden sind unterwegs, jetzt mit ihrem Nachwuchs. Faszinierend ist auch die vielfältige Flora: Pantoffelblumen, Orchideen, der dornige Calafate-Busch mit seinen unzähligen gelben Blüten blüht mit dem roten Feuerbusch um die Wette. Ganze Berghänge bringt der orange bis kräftig rote Polster-Andenstrauch zum Leuchten. Leider haben mehrere gewaltige Brände (1985, 2005, 2011) riesige Flächen Wald- und Buschland zerstört. Der letzte wütete 58 Tage. Kein Wunder bei diesem Wind, der sich vor allem in dieser Gegend von seiner stärksten Seite zeigt.

Ein weiteres Highlight in diesem Park: Der Grey-Gletscher, der seit 2000 um die Hälfte geschrumpft ist, aber immer noch zu den größten Gletschern Patagoniens gehört. Vom Südufer des Sees aus erstreckt sich ein weiter Blick auf die vorgelagerten Eisberge des Gletschers. Blauschimmernde, teils haushohe Eisbrocken treiben nah am Ufer, wo sie ihr Ende finden.

 

 

Von der flachen Pampa geht es über die Grenze, erneut über El Calafate, in ein weiteres herrliches Wandergebiet inmitten der argentinischen Anden, dem Nationalpark Los Glaciares Norte. Schon von Weitem erkennt man die unverwechselbare Form der Berggiganten Fitz Roy (3375m) und der spitzen Felsnadel des Cerro Torre (3128 m). Letzterer zählt zu den schönsten Gipfeln weltweit. Hier erspähen wir die ersten Kondore. Mit einer Flügelspannweite von 3 Metern gleiten sie, vom patagonischen Wind getragen, erhaben am Himmel entlang. Wir fühlen uns wohl im Bergdorf El Chaltén am Fuße des Fitz Roy-Massivs und bleiben einige Tage zum Wandern (u.a. zur malerischen Laguna Capri) und Faulenzen. Auch der Wettergott ist uns gewogen – an einem klaren Morgen zeigen sich bei Sonnenaufgang für wenige Minuten die fotogenen Bergspitzen in strahlendem Rot.

 

 

Tief beeindruckt von der Berg- und Gletscherwelt heißt es nun Kilometer herunterspulen. Die Gegend ist langweilig, das Wetter schlecht. Unser nächstes Ziel: die Cueva de las Manos. Ihre prähistorischen Felszeichnungen gehören zum UNESCO- Weltkulturerbe. Dem aufnahmefähige Gestein, der Konservierung der Farben mit Urin und Guanakofett, vor allem aber der witterungsgeschützten Lage, ist es zu verdanken, dass die Malereien noch heute, nach 3000 – 8000 Jahren, in einem solch guten Zustand sind. Unter uns liegt die Schlucht, in der Wildpferde grasen und sich Weiden ausbreiten. So wie bei uns das japanische Springkraut zur Plage geworden ist, sind es hier die Weiden.

Im Valle Cañadón Colorado fasziniert die Farbenpracht der unterschiedlichen Gesteinsschichten.

 

 

Das milde Klima von Los Antiguos am Ufer des Lago Buenos Aires macht dieses Örtchen zur „Kirschen-Hauptstadt“ Argentiniens. 3 Wochen später, zur Erntezeit, hätten wir unsere Mägen damit füllen können.

Vor dem einsamen Grenzort Chile Chico geht’s erneut über die chilenische Grenze. Es ist nicht der erste Grenzübergang, relaxed sehen wir der Kontrolle entgegen. Viele Kilometer fahren wir auf staubigen, schmalen und kurvenreichen Schotterpisten durchs Gebirge. An manchen Stellen ist es beruhigend, Leitplanken neben sich zu haben. Auf der einen Seite entlang mächtiger Felsmassive, auf der anderen – meiner Seite – liegt tief unten der See, ungebremst und in freiem Fall erreichbar. Gegenverkehr ist kaum zu erwarten – Gottlob!

 

 

Bei Puerto Bertrand fließt aus dem gleichnamigen See der glasklare, türkisfarbene Río Baker. Immer wieder ergeben sich schöne Blicke auf diesen Fluss. Beim Zusammenfluss mit dem Río Neff, kurz nach seinen gewaltigen Stromschnellen, verliert er leider seine wunderschöne Farbe. Milchig-trüb geht es für ihn weiter.

 

 

Der Weg von Cochrane nach Caleta Tortel führt erneut vorbei an Sumpfgebieten, leuchtend rotbunten Moorlandschaften mit toten, skurril wirkenden Zypressenwäldern.

Der kleine Ort schmiegt sich an den feuchten Berg, die Häuser stehen auf Pfählen. Straßen gibt es hier nicht. Ein Wirrwar von unzähligen Holztreppen und -stegen gibt dem Ort ein besonderes Flair.

Villa O’Higgins ist weniger lohnend, es sei denn, man möchte die Carretera Austral (die Panamericana auf chilenischer Seite) bis zum Ende fahren.

 

 

Zurück über Cochrane gelangen wir zu den faszinierenden Marmorhöhlen bei Puerto Río Tranquilo, die aus vulkanischer Aktivität entstanden sind. Druck und Hitze ließen das ursprüngliche Gestein zu Marmor werden, die Höhlen bildeten sich durch Auswaschungen durch Regen und Seewasser.

 

 

Coyhaique lädt zum Bummeln ein, von hier aus starten wir Ausflüge in die sehr schöne Umgebung mit Allgäuflair, in das südlichste Skigebiet Chiles auf 980 m Höhe und in die Mondlandschaft des Valle de la Luna.

Immer wieder beeindruckend sind die riesigen blauen und gelben Lupinenfelder, die kilometerweit Flussläufe und Pisten säumen, sich an Berghängen hochziehen und die Luft mit ihrem angenehmen Duft füllen.

 

 

Auf dem Weg zu den Termas El Sauce wird das Wetter immer schlechter, wir fahren auf übler Stein- und Matschpiste teils durch dichtesten Bergnebel. Wir haben diese naturbelassene Anlage den vertouristisierten anderen vorgezogen. Klein und für uns allein, einsam gelegen, für große Busse nicht erreichbar. Mystische Stimmung! Nach abwechselnd 40°C und 10°C Wassertemperatur geht es tiefengereinigt und entspannt der argentinischen Grenze und Esquel entgegen. Die Weihnachtstage stehen bevor.

 

 

 

 

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